Plötzlich stand es vor mir. Dichte schwarze Zotteln hingen dem unheimlichen Wesen ins Gesicht, als es vornüber gebeugt mit funkelnden schwarzen Augen wilde Blicke rechts und links von sich warf, ohne seinen Kopf auch nur im Mindesten zu bewegen. In seinen grünbehandschuhten Klauen hielt es ein Bündel blutbefleckter Geldscheine, die es von unschuldigen Opfern erbeutet hatte: Von Menschen wie mir. Wehrlose Opfer, die gezwungen waren, sich auf dieser einsamen Insel irgendwie mit Nahrung zu versorgen und dazu zwangsläufig das Nest der Inselmutanten aufsuchen mussten: Delikatessen Harms.
Noch hatte es mich nicht gesehen. Ich schöpfte tief Luft. Wieviel Zeit hatte ich noch, bis es mich schließlich entdecken würde? Ich überlegte, wie lange ich den unvermeidlichen Kontakt noch würde hinauszögern können – wenige Sekunden oder gar Minuten? Doch egal, wie lange die Gnadenfrist auch sein mochte: Irgendwann musste ich mich meinen Ängsten stellen, denn mein Überleben und das meiner Familie war in Gefahr. Noch konnte ich das Überraschungsmoment nutzen. Mit steigender Entschlusskraft stieg mein Herzschlag, Adrenalin strömte durch meine Adern und ich hörte auf zu denken. Mit einem wilden Satz sprang ich nach vorn, sprintete dem Mutanten entgegen und schrie: “200 Gramm Greyerzer. Im Stück, aber dalli!” Blutrote Schleier tanzten vor meinen Augen, während es geschah. Nämlich: Nichts. Der Mutant hatte noch nicht einmal gezuckt. Ich räusperte mich, während ich unauffällig versuchte, den Schweiß abzuwischen, der mir in Strömen von der Stirn in die Augen lief. Ob er in den Off-Modus geschaltet war? Hilfesuchend sah ich mich um und fand, wie immer, keine Unterstützung. Ich änderte die Taktik. Mit freundlichem Lächeln ging ich noch einen Schritt in Richtung des Mutanten und stieß ein leises “Bitte!” hervor. Endlich eine Reaktion. Der Mutant drehte sich um. Ich zuckte vor Schreck zusammen. Was hatte das zu bedeuten? Er drehte mir jetzt den Rücken zu und begann, mit einem Kehrblech und einem Besen bewaffnet, die Holzregale an der Wand hinter der Käsetheke auszufegen. Dabei konnte ich einen Blick auf den von dem billigen weissen Kittel nur schlecht verhüllten Mutantenkörper werfen. Seine grüne, schuppige Haut schimmerte durch den dünnen Stoff. Und auch die billige BH-Imitation, die offensichtlich einen menschlichen Körper weiblichen Geschlechts signalisieren sollte, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Mutant die Körperform einer großen schleimigen Blase hatte. Wut stieg in mir auf. Sollte eine große schleimige Blase für den qualvollen Hungertod meiner Familie verantwortlich sein? Todesmutig räusperte ich mich ein zweites Mal und sprang vor Schreck einen Schritt zurück, als der Mutant sich plötzlich zu mir umdrehte und mir ein ”Ja bitte” entgegen bellte. Mein Adrenalin wurde schlagartig abgebaut und die Angst kehrte in großen dunklen Wellen in mein Gehirn zurück. “Könnte ich bitte 200 Gramm Greyerzer bekommen, bitte?” piepste ich. Der Mutant fixierte mich mit seinen kalten schwarzen Augen, öffnete den Mund und stieß durch den Zaun seiner gelben Zähne ein “Haben wir hier nicht!” in meine Richtung. Schleimiger Mutantensabber flog mir ins Gesicht und der Gestank brachte mich fast um. “Aber wir haben anderen kräftigen Käse!” Halb blind schaute ich auf. “Ja?” “Höhlenkäse!” Also gut. Ich würde mich meinem Schicksal stellen. “Ok. Vier Scheiben bitte!” Es gelang mir, ein Stück meiner Würde zurückzugewinnen, während ich mir – wieder aufrecht stehend – mit einem Papiertaschentuch den stinkenden Schleim aus den Augen wischte.
Der Mutant beugte sich vor und ich sah, dass sich sein kleiner Körper – ich schätzte ihn auf knapp 1,20 Meter im Durchmesser – weit strecken musste, um in der Käsetheke an den Laib Höhlenkäse zu gelangen. Blasen sind eben nicht dafür konstruiert, sich weit nach vorne zu beugen. Die Klauen kratzten über das Holz in dem vergeblichen Versuch, sich in den Käselaib zu schlagen und ihn an sich zu zerren. In mir regte sich Mitleid. “Ist ja doch weit weg, ihr Höhlenkäse” sagte ich unüberlegt, und dieser Satz sollte mich fast das Leben kosten. Mit einem heiseren Schrei entwand das Wesen sich ruckartig der Enge der Theke und stieß, während es sich auf mich stürzte, einen heiseren, langgezogenen Jagdruf aus. Ich ging hinter der Käsetheke in Deckung, als drei Scheiben Edamer und fünf Blatt klebriges Käsepapier auf meinen geschundenen Körper hinabgeschleudert wurden. “Einige von uns sind noch kleiner, die müssen in die Käsetheke reinspringen, du nichtswürdiger Wurm!”. Gut gekreischt ist halb gewonnen. Ich sah es ein: Ich hatte mal wieder den Kürzeren gezogen und meine Würde ein weiteres Mal bei Delikatessen Harms an der Käsetheke verloren. Jetzt galt es mein Leben zu retten. Langsam robbte ich, den Käse zwischen den Zähnen – besser Edamer als gar nichts - aus der Gefahrenzone dem rettenden Ausgang entgegen. Dabei ließ ich einen Fünf-Euro-Schein aus meiner Hosentasche fallen, um sicherzugehen, dass der Kassen-Mutant sich nicht auch noch auf mich stürzen würde. An der Tür angekommen sprang ich auf und rannte auf das sichere Apartment zu, das ich für meinen zweiwöchigen Familienurlaub auf dieser idyllischen Nordseeinsel gemietet hatte; nichtsahnend, dass ich zu spät gekommen war, um die Einheimischen vor der Invasion der Inselmutanten zu retten.
© 2009 by Eva Aarden
Eine Kurzgeschichte aus der Rubrik Teestube.